Geschickter mit den Zehen als mancher mit den Händen

Fußmalerin Antje Kratz braucht keine Hilfe/Ihre Fortbildung finanziert sie seit 1979 durch ein Stipendium

 

Antje Kratz malt Ölbilder. Am liebsten Landschaften, Stilleben oder Puppenbilder. Ihr Arbeitsraum mit der Staffelei ist im ersten Stock. An den Wänden hängen sechzehn Bilder von ihr. Lappen liegen auf dem Boden. Auf dem Sofa sind Bücher verstreut. Katzen spielen in dem Zimmer. Es herrscht Unordnung, aber das stört nicht. Antje Kratz malt mit dem rechten Fuß. Sie nimmt den Pinsel zwischen den großen und den zweitgrößten Zeh, tupft den Pinsel in die Farben auf der Palette und führt ihn zu dem Blumenbild auf der Staffelei. Sie ist noch nicht zufrieden. Eine neue Farbe muß gemischt werden. Antje Kratz öffnet geschickt eine große Holzschachtel. Sie wählt aus den vielen verschiedenen Nuancen eine Tube mit grüner Ölfarbe aus, hält sie mit dem linken Fuß fest und dreht mit den Zehen des rechten Fußes den Verschluß der Tube auf. Alles geschieht völlig selbstverständlich und mit einer ruhigen Geschicklichkeit. Man selbst fühlt sich dabei behäbig und die eigenen Arme kommen einem fast überflüssig vor.

Antje kratz ist Frankfurterin, contergangeschädigt, lebt ohne Arme und ohne fremde Hilfe. Sie besuchte die Schule für Körperbehinderte und beendete sie mit dem Hauptschulabschluß. Anschließend ging sie in den Malersaal der Städtischen Bühnen in Frankfurt und machte dort ein vier Jahre dauerndes Praktikum. Eigentlich habe sie Bühnenmalerin werden wollen, aber das sei wegen der großen Kulissen nicht möglich gewesen. Bühnenmaler Hermann Haindl, der sie unterrichtete, blieb auch nach dem Ausscheiden ihr Lehrer. Noch jetzt besucht sie einmal die Woche seinen Unterricht. Mit ihm und anderen Künstlern unternahm Antje Kratz Studienreisen in die Toskana. Ihre künstlerische Fortbildung finanziert die 25 Jahre alte Frau seit 1979 durch ein Stipendium der „Vereinigung der mund- und fußmalenden Künstler in aller Welt“. Als Gegenleistung schickt sie regelmäßig ihre Bilder zu der Vereinigung, die diese ausstellt. Eine Jury beurteilt ihre Arbeiten und macht manchmal auch Verbesserungsvorschläge. Die Künstlerin malt jeden Tag mehrere Stunden. Etwa sechs Bilder werden im Vierteljahr fertig. Aber das ist unterschiedlich. Manchmal hat sie keine Ideen, dann muß sie eine schöpferische Pause einlegen. Anregungen holt sie sich bei Ausstellungen und durch Bücher. Antje habe ein großes Talent für Farben, sagt ihre Mutter Ruth Kratz.

„Mir liegen Ölfarben“, meint die Künstlerin selbst, „da kann man die Farben richtig reinschmieren.“ Bis zu achthundert Mark kosten die Bilder von Antje Kratz. Letztes Jahr hat sie zusammen mit einer anderen Künstlerin eine Ausstellung in Hofheim gehabt. Sie hat fast vierzig Bilder gezeigt, vier davon wurden von Besuchern erworben. Eins hat die Stadt Hofheim gekauft. Landschaftsbilder seien ihre große Stärke. Die Puppenbilder drücken ihre Empfindungen aus, sagt Antje Kratz, hebt mit den Füßen eine Kanne und gießt Kaffee ein.

 

Ihr zweites großes Interesse gilt dem klassischen Ballett. Seit ihrem fünften Lebensjahr trainiert sie. Aber nicht in einer Tingeltangel-Schule, sagt Ruth Kratz. Ihre Tochter grinst und streicht sich mit dem Fuß durch das kurzgeschnittene blonde Haar. Die Fußnägel sind farbig lackiert. An den Zehen trägt sie Ringe. Nächstes Jahr wird das kleine Haus im Garten zu einer eigenen Galerie umgebaut. Dann hat Antje Kratz auch für die vielen Bilder genügend Platz, die jetzt noch eher unbeachtet an der Wand des Wohnzimmers lehnen.

                                                                                                             NICOLE STRENGLEIN