Wetterauer Zeitung v. 16.05.2003

 

Wenn Füße die Arbeit der Hände übernehmen müssen

 Kunstausstellung in der Straußwirtschaft „Zum Gerippten“ – Die Fußmalerin Antje Kratz stellt dort bis September ihre Werke aus

 

Friedberg-Ockstadt (har.)  Nicht nur Apfelwein und herzhafte Speisen erwartet die Besucher der ersten Straußwirtschaft „Zum Gerippten“ in der Borngasse. Bereits zum dritten Mal stellt eine Künstlerin ihre Bilder in der zum rustikalen Gastraum umgebauten Scheune aus. In diesen Jahr sind es Gemälde der Frankfurter Künstlerin Antje Kratz, die 1961 als contergangeschädigtes Kind ohne Arme geboren wurde. Als Armersatz dienen Antje Kratz die Füße, und schon im Kindergarten begann sie leidenschaftlich zu malen. Nach der Schule machte sie ihr Hobby zum Beruf, arbeitete drei Jahre als Volontärin im Malersaal der städtischen Bühnen Frankfurt und studierte danach in Kronberg an der Akademie von Professor Hermann Haindl. Der Kontakt zu der Frankfurter Künstlerin, die seit 1989 Vollmitglied in der Vereinigung der Mund- und Fußmalenden Künstler ist, kam über Erich Scharf zustande, ist er doch bei der Stadt Frankfurt Arbeitskollege von Antje Kratz’ Ehemann Horst. Kürzlich wurde die Ausstellung mit einer Vernissage eröffnet, eine Premiere in der Apfelwein-Straußwirtschaft, wie Wirtin Eva Maria Scharf in ihrer Begrüßung feststellte. Neben der Künstlerin und deren Ehemann konnte Eva Scharf eine ganze Reihe von Gästen begrüßen, darunter auch Frank Kratz, den Bruder der Künstlerin. Dieser führte mit einer kurzen Ansprache die Besucher in das Werk ein. Zunächst dankte Frank Kratz dem Ehepaar Scharf, dass es mit dieser  Ausstellung ein Forum für die Bilder seiner Schwester geschaffen habe, wofür es für Eva Scharf einen großen Blumenstrauß gab. Kratz stellte seine Ansprache unter das Motto “Füße, die in Bildern leben“, da bei seiner Schwester Füße eben nicht nur Füße seien, sondern auch die Funktion der Hände  übernehmen würden. Sowohl Antje Kratz als auch deren Eltern und Geschwister haben seit Geburt an gelernt, mit der Behinderung zu leben, und „von Kindheit an wurde das künstlerische Talent von Antje gefördert“ erklärte Frank Kratz. “Sie ist ihren Weg immer sehr zielstrebig gegangen  und wird es auch weiter tun. Darauf bin ich sehr stolz“, meinte Frank Kratz zum Abschluss einer Rede.

Gezeigt werden in der Ausstellung im „Gerippten“ ausschließlich Stillleben, die Antje Kratz neben Landschaften der Toscana, ihrem absoluten Lieblingsort, am liebsten malt. Nicht fehlen darf in einer Apfelweinwirtschaft natürlich ein Bild mit Bembel und Apfelweinglas. Gerade hier, aber auch auf den anderen Gemälden, werden der kräftige Pinselstrich der Fußmalerin und deren Liebe zu kleinen Details deutlich. Auch die weitern Exponate passen genau in das rustikale Ambiente der umgebauten Scheune. Zu den Bildern mit eher volkstümlich-rustikalen Motiven gehören ein Osterkranz ebenso wie weitere Stillleben mit Krügen, Vasen, Blumen und Obst. Fast schon im naiven Bereich geht das kleine Bild einer Puppe. Besonders beeindruckend ist das Gemälde „Die Wurzel“, in dem es der Künstlerin vortrefflich gelungen ist, ein Schattenspiel in ihr Bild einzubringen und dadurch  lebendig zu machen. Zehn Bilder werden im „Gerippten“ gezeigt, Abdrucke weiterer Bilder findet der Besucher in einer eigens angefertigten Mappe. Ferner liegen Bücher über die  Mund- und Fußmaler und deren Vereinigung aus. Die Ausstellung kann bis zum 6.September  freitags bis sonntags ab 17 Uhr sowie am 28.5. und 18.6. und an Pfingstmontag ab 17 Uhr besichtigt werden.