Rhön-u.Saalepost v.30.03.2002

Die Fußmalerin Antje Kratz lebt ohne Arme und Hände

 

Wer Arme und Hände hat, kann sich ein Leben ohne sie nicht oder nur schwer vorstellen. Für die Fußmalerin Antje Kratz ist dies Normalität, sie kam 1961 contergangeschädigt zur Welt. Fragen, die ich ihr als Gesunde mit allen Gliedmaßen stelle, offenbaren mein selbst entworfenes Bild von ihr, das fern ab ihrer Realität liegt.

Antje Kratz ist keine „Arme ohne Arme“, wie sie manchmal bemitleidet wird, sondern eine selbstbewusste und starke Frau, von der ich mir etwas an Selbstwertgefühl abschneiden könnte. Sie weiß, was sie will und was sie stört, nämlich, wenn Leute sie anschauen und dies zum Angaffen steigern. Und es stört sie noch mehr, wenn Eltern ihre Kinder bei ihrem Anblick nicht aufklären, dass es Menschen ohne Arme und Hände gibt, sondern ihnen den Mund zuhalten. Dieses negative Betrachtetwerden hat sie in dieser Form nur in Deutschland kennen gelernt. „In anderen Ländern schauen die Leute anders, weicher, und sie schauen nur einmal“, klären mich Antje Kratz und ihr Mann Horst auf. 1999 haben sie auch aus diesem Grund in Catania geheiratet und weil sie Italien und Sizilien lieben. In Italien verbrachten sie schon viele ihrer gemeinsamen Urlaube – sie kennen sich seit 23 Jahren – und dorthin machte die Fußmalerin auch einige Kunstreisen mit ihrem Lehrer Herrmann Heindl.

Er war der Chef des Malersaals der Städtischen Bühnen in Frankfurt/Main, wo sie in der Zeit von 1978 bis 1981 ein Volontariat absolvierte. Zusätzlich studierte sie in Herrmann Heindls Künstlerhof in Hofheim/Taunus und erfuhr so eine vielseitige bildnerische Ausbildung. Heute ist sie Vollmitglied in der Vereinigung mund- und fußmalender Künstler, bezieht von dort ein monatliches Einkommen und malt für den dazugehörigen Verlag im Jahr ca. fünf bis zehn Bilder. Manchen sind vielleicht die Kalender und Karten bekannt, die von dort zu Weihnachten und an Ostern verschickt werden, um diese Einkommen zu erwirtschaften, den Künstler/inne/n ein Forum zu geben und sie bekannt zu machen. Die gebürtige Frankfurterin

ist auf diese Vereinigung durch eine Ausstellung aufmerksam geworden und knüpfte so den ersten Kontakt.

Ab 1981 erhielt sie dann jahrelang ein Stipendium,  um sich fortbilden zu können. Vor zehn Jahren wurde sie von der zuständigen Jury als Vollmitglied aufgenommen. Durchschnittlich malt Antje Kratz drei Stunden am Tag. Malte sie am Anfang hauptsächlich Puppenbilder (meist ohne Arme), ist sie mittlerweile zu Landschaftsbildern und Stilleben übergegangen. Wichtig dabei ist ihr die Farbe, die sie mit großzügigen Pinselstrich aufträgt. Ihr Interesse an kräftigen Farben und farbigen Flächen zeigt sich schon an ihren Kopien, die heute in ihrem Wohn- und Essraum als Wandteppich hängen. Das Figurenbild aus der „Blauen Periode“ von Picasso und das Stilleben von Paula Moderson-Becker entstanden in ihrer Volontariatszeit.

Ihr eigentliches Vorbild ist aber Emil Nolde mit seinen farbigen und flächigen Bildern.

Antje Kratz hat schon in der Schule gemalt und dies tut sie wie allen handüblichen Tätigkeiten mit ihrem Fuß, vor allem dem rechten, denn auch sie hat eine dominante und eine weniger dominante Körperseite. Ihr rechter Fuß ist so zu ihrer Hand geworden, dass sie mit ihm isst, schreibt, raucht, sich anzieht (z.T. mittels eines Verlängerungsstabes)  ... und ihn  schmückt wie eine Hand, mit Ringen. „Meine Muter hat  mich zur Selbstständigkeit erzogen“, erklärt sie, und diese Selbstständigkeit macht sie selbstbewusst. Dass diese Selbstständigkeit ihr möglichst lange erhalten bleibe, ist ihr größter Wunsch für die Zukunft. Denn die ständigen Gelenküberdehnungen führen bei vielen der 3.000 bis 4.000 Contergangeschädigten, die heute im Alter von 36 bis 43 Jahren sind, irgendwann zu Beeinträchtigungen und Gesundheitsschäden. Davon ist die Fußmalerin bisher verschont geblieben und sie hofft, dass dies noch lange so bleiben wird. Sicher haben zu ihrer Gelenkigkeit das jahrelange Tanzen im Ballett beigetragen. Heute schwimmt sie gerne (auf dem Bauch und wie ein Delfin).

„Ich habe mit fünf Jahren das Schwimmen gelernt und liebe das Wasser“, unterstreicht sie.

 

Ob ihr die Blicke der Leute nichts ausmachen, frage ich. „Es wird immer geschaut und es wird immer so bleiben . Ich muss damit leben und kann es nicht ändern. Es ist so und ich mache das Beste daraus und ich zeige, dass ich selbstständig bin, dann sehen dies die Leute“, resümiert sie.

„Außerdem höre ich noch gerne Musik in meiner Freizeit“, ergänzt die Künstlerin. Für die Zukunft wünscht sich Antje Kratz neben bleibender Gesundheit für sich und ihren Mann, dass die Menschen und Kinder besser aufgeklärt und dass Behinderte nicht mehr separiert werden. Ein gemischter Kindergarten könnte dazu beitragen, dass für die nächste Generation ein Miteinander für die nächste Generation  ein Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten möglich würde. Sie selbst wurde in einen Kindergarten für Gehörlose geschickt, da ein normaler sie nicht aufnahm. „Dort hatten sie Angst, dass ich geschubst werden könnte“, erläutert sie.

 

Danach besuchte die Künstlerin eine Schule für Körperbehinderte und machte dort den Hauptschulabschluss. Heute lebt sie mit ihrem Mann, einem kleinen Hund und einer Katze in einem Häuschen in Frankfurt/Main und nimmt voll am Leben teil, auch mit einem eigens für sie umgerüsteten Auto. Den dafür nötigen Führerschein machte sie 1981 in Heidelberg. Dort werden auch die Automatic-Volkswagen für Armlose umgerüstet, so dass Antje Kratz mit dem linken Fuß lenkt und dem rechten Gas gibt und bremst. Gebremst haben die Künstlerin ihre Nichtarme nicht. Es gibt nut weniges, was ich nicht kann, „und damit kann ich leben“.

Ich frage die contergangeschädigte Künstlerin, ob  sie Wut auf ihre Mutter  oder ihre Mutter Schuldgefühle gehabt hätte. Beides beantwortet sie mit „Nein“. „Ich habe meiner Mutter keinen Anlass für Schuldgefühle gegeben. Sicher war es ein Schock für meine Mutter. Doch in ihr und auch in meiner Großmutter hatte ich immer eine emotionale sowie sonstige Stütze. Mittlerweile sind aber beide schon verstorben“.  Aus ihrer Kindheit geblieben ist das innige Verhältnis zu ihrem nur zwei Jahre älteren Bruder, der mit den drei weiteren wesentlich älteren Geschwistern zu ihrer großen Familie gehört.

Ihr Bruder freut sich über ihre farbintensiven Bilder, an denen sich ihre Lebensfreude ablesen lässt, eine Lebensfreude, die allen Menschen gut gebrauchen könnten und mit der die Welt bestimmt freundlicher wäre, eben bunter.

 

                                                                                                                  Monika Stamm