Zeitschrift „ Mädchen“ vom 31.10.79

Die Umwelt erschwert mein Leben

 

Die 18jährige Antje Kratz kam als eines der 2400 deutschen Contergan-Kinder zu Welt. Antje hat keine Arme. Und doch bewältigt sie fast alle Dinge, die im täglichen Leben nun mal anfallen. MÄDCHEN besuchte sie in Frankfurt

 

„Hier fehlt noch etwas Karmesinrot“, stellt Antje fest, greift zum Pinsel und trägt noch Farbe auf. Sie tritt ein Stück zurück und mustert zufrieden ihr Werk. „Ja, jetzt wirkt es harmonischer in der Farbgebung“ sagt sie und schiebt die Farbtöpfe zur Seite. Bewundernd schauen wir das Gemälde an. Ja, es ist ihr gut gelungen – zweifellos ein äußerst talentiertes Mädchen. Auch ihre  Bleistiftzeichnungen sind sehr ausdrucksstark. Kompliment, Antje.....

Es ist faszinierend und verwirrend zugleich, Antje bei der Arbeit zu beobachten. Schließlich geschieht jeder Feder- und Pinselstrich mit den Füßen. Antje hat keine Arme. Sie ist eines der 2400 deutschen Contergan-Kinder, das zwar behindert zur Welt kam, aber zu einer Persönlichkeit herangereift ist, das sich nicht allein auf ein Behindertendasein konzentrieren will. Mit Intelligenz, zäher Ausdauer, mit Aufgeschlossenheit und Tatendrang wird der Alltag von Antje angepackt.

Sie sitzt mit uns am Kaffeetisch, nimmt geschickt mit den Füßen die Kanne und schenkt uns Kaffee ein. Man beachtet ihre Behinderung nicht, weil diese Vorgänge absolut natürlich ausgeführt werden. Auf dem Fußboden liegen Zigaretten und Streichhölzer Sie zündet sich einen Glimmstengel  an und berichtet dann von ihrer Kindheit, von ihren oft unerfreulichen Erlebnissen mit der Umwelt, von schönen Erfolgen, von großen und kleinen Wünschen, die jeder Mensch nun einmal hat.

„Mein größter Wunsch“, sagt sie rundheraus, „ist dass ich normal behandelt werden möchte. Nur ist das für gesunde Menschen wohl ganz außerordentlich schwierig.“

 

Schon als Baby entwickelte sie eine unheimliche Kraft

 

Antje beobachtet das Verhalten ihrer Mitmenschen jeden Tag aufs neue. „Die Menschen haben entweder zuviel Mitleid, oder sind einfach roh und unsensibel. Sicher, von Kindern kann man kaum Taktgefühl erwarten, aber es schmerzt doch, wenn man sie rufen hört: `

´Schau mal, Mama, die hat ja gar keine Arme !` Ich muß lernen, über alles hinweg zusehen, über menschliche Schwächen, über Intoleranz, einfach über alle Unzulänglichkeiten.“

Erstaunlich, findet Ihr nicht auch, dass ausgerechnet Antje als Körperbehinderte gesunden Menschen gegenüber so rücksichtsvoll und verständnisvoll sein kann?

Antjes Kindheit verlief total normal. Spielsachen, die andere Babys mit den Händen greifen, packte sie instinktiv mit den Füßen, und beim Laufenlernen drückte sie sich mit dem Körper am Laufstall hoch. Antje hat noch drei Geschwister, so dass auch die Erziehung normal verlief – niemand wurde bevorzugt, niemand in der Familie vernachlässigt.

Eine großartige Hilfe war damals schon die sehr resolute Großmutter. Als der Arzt Antje nach einem langen Klinikaufenthalt Prothesen verpasste, sagte sie schlicht zu Antjes Mutter: „Zieh dem Kind die dämlichen Dinger aus, die bleibt ja sonst Zeit ihres Lebens hilflos und ein Krüppel.“ Dazu müsst ihr wissen, daß solche Spezialprothesen etwa vierzig Pfund wiegen, also eine Strapaze für ein kleines Mädchen. Und Antje war damals glücklich, als man ihr die Folterdinger wieder abnahm. Mit fünf Jahren kam Antje in eine Schule für Körperbehinderte und parallel dazu in den Ballettunterricht. Ausgerechnet Ballett, ein Sport, zu dem man ganz dringend die Arme braucht, um Balance zu halten. Aber Antje schaffte auch das. Ohne jemals Übungen an einer Stange geprobt zu haben, beherrschte sie ihren Körper derartig bewundernswert, dass sie schwierige Sprünge und Drehungen mühelos aufs Parkett setzt, ohne die Balance zu verlieren.

 

Ein Versuch kann nicht schaden, dachte die Mutter

 

In der Schule verlief der Unterricht wie in jeder anderen Hauptschule. Sie lernte Sportarten, die speziell auf Behinderte abgestimmt waren, und nach zehn Jahren hatte sie den Hauptschulabschluß in der Tasche, wenige Jahre später auch noch den Handelsschulabschluß.

„Aber Büroarbeit wäre für mich unmöglich“, erzählt Antje, „das würde mich nicht ausfüllen. Da hatte Antjes Mutter, kreativ wie alle Familienmitglieder, einen guten Gedanken. Sie rief kurzentschlossen bei der Frankfurter Bühne an und erkundigte sich, ob es dort eine Arbeitschance für Antje gäbe. Und sie hatte Glück. Antje konnte im Malersaal anfangen, und schon nach sechs Monaten Probezeit erhielt sie einen festen Vertrag als Volontärin für Malerei.

 

Hilfe ist gut, aber nur wenn sie angebracht ist

 

„Bühnenmalerin kann ich natürlich nie werden“, stellt Antje sachlich fest, „weil ich die großen Gemälde nicht herumschleppen kann. Aber ich möchte später einmal mein Geld als Kunstmalerin verdienen.“

Eigentlich wäre die Achtzehnjährige sehr gern Erzieherin geworden, aber die Erfahrungen, die sie auf dem Arbeitsamt machen musste, waren so negativ, dass sie diesen Plan begraben musste. Aussprüche wie „Bleiben Sie doch auf dem Teppich!“ haben Antje tief getroffen.

 

„Als Körperbehinderter ist man von der Umwelt total isoliert“, sagt sie resignierend. „Man kann froh sein, wenn von Haus aus gefördert wird und somit normal behandelt wird.“ Das ist auch der Grund dafür, dass Antje nur wenige Freunde und Bekannte hat. „Ich kenne sie noch aus der Schule. Unsere Behinderung hält unsere Freundschaft zusammen. Geteiltes Leid ist halbes Leid!“

Wie alle Contergan-Geschädigten hat auch Antje eine Abfindung erhalten, um die vielen Sonderausgaben aufzufangen, die einen Durchschnittshaushalt immens belasten können. „Hinzu kommt noch eine monatliche Rente von etwa fünfhundert Mark“, erzählt uns Antje, „ohne die ich wahrscheinlich kaum existieren könnte. So bin ich sogar in der Lage , den Führerschein zu machen. Aber der Papierkrieg mit den Behörden nervt mich ungeheuer. Ich muß noch einen Eignungstest unterwerfen und obendrein begründen, wieso und warum ich einen Führerschein brauche. Dabei kann ich mich hundertprozentig auf meine Füße verlassen, vielleicht sogar besser als ein anderer auf seine Hände. Und außerdem gibt es Spezialanfertigungen für Behinderte auf dem Automarkt, wo man die Lenkung, Schaltung und Bremsen reibungslos mit den Füßen bedienen kann.“

 

Die permanente Anstarrerei nervt manchmal sehr

 

Es gibt kaum, etwas, was Antje nicht bewältigen kann, auch so lapidare Dinge wie Haarewaschen oder Wimperntuschen sind kein echtes Hindernis. „Klar, ich brauche natürlich für diese Sache eine längere Zeit, und ich bin froh, dass Mutti mir beim Anziehen hilft. Das ist nämlich sehr schwierig für mich, da bin ich echt auf Hilfe angewiesen. Aber sonst komme ich ganz gut klar. Es ist wirklich nicht angebracht, wenn jeder immer und überall Rücksicht nimmt auf mein Gebrechen nimmt. Es ist mir schon lieb, wenn ich nicht immer angestarrt werde. Glaubt mir, manchmal komme ich mir leider schon wie ein Ausstellungsstück auf dem Jahrmarkt vor!“