Frankfurter Neue Presse v. 14.05.2003

 

Die Fußmalerin Antje Kratz stellt ihre Werke in der Ockstädter Straußwirtschaft „Zum Gerippte“ aus

Emotionen in bunte Bilder hineingelegt

Von Gerhard Förtig

 

Friedberg. Mit dem rechten ringgeschmückten Fuß signiert die 41-jährige Antje Kratz einen Katalog und gibt ihn wie selbstverständlich  mit dem Fuß an den Katalogbesitzer weiter – kein akrobatisches Kunststückchen, sondern Notwendigkeit. Die Frankfurterin  ist das was man einst ein Contergan-Kind nannte. 1961 kam sie ohne Arme zur Welt, und seitdem macht sie alles mit den Füßen, übt damit auch ihren Beruf aus. Kratz ist Fußmalerin und zehn ihrer Werke, Ölgemälde allesamt, sind noch bis zum 6.September in der Scheune der Ockstädter Straußwirtschaft „Zum Gerippte“ zu sehen.

Zur Vernissage hatte die Künstlerin dorthin eingeladen. Dank ihrer Mutter, die sie von Kind auf förderte, habe sie sich nie als behindert gefühlt, erklärt Antje Kratz. Natürlich gebe es Situationen in denen sie sich eingegrenzt fühle, natürlich sei sie in gewisser Weise behindert, aber sie fühle sich nicht so. „Antje fährt auch Auto, einen umgebauten Passat“, ergänzt Horst Kratz, Ehemann, guter Freund und Manager in einem, bereits 24 Jahre mit der Künstlerin verbunden.

Vor vier Jahren haben die beiden Italien-Fans in Catania auf Sizilien geheiratet. In Italien gehe man ungezwungener mit behinderten Menschen um, werde man nicht ständig angestarrt, sagt Kratz. In Deutschland habe sich das zwar schon gebessert, doch zu einem normalen Umgang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sei es noch ein weiter Weg. Für sie sei der Umgang mit Nicht-Behinderten nie schwierig gewesen. Frühzeitig habe sie die Mutter ins Ballett zu Nicht-Behinderten gesteckt. „Ich male, weil ich in die Bilder meine Emotionen hineinlegen kann“, sagt die Künstlerin, die bislang etwa neunzig Ölgemälde geschaffen hat. Bei Still-Leben zum Beispiel stelle sie sich etwas auf den Tisch und gruppiere es auch wieder um, bis es passt.

Ehemann Horst versorgt sie mit Fotografien, die sie auf spezielle Art wieder gibt und interpretiert. Vielfältig sind die Motive im Werk der Fußmalerin: Landschaften der Toskana, Puppen und Blumensträuße gehören ebenso zum Ceuvre, wie Still-Leben mit Krügen oder deftigen Landschinken und Bauernbrot. „Ich mag Maler, die mit Farben spielen“, sagt Antje Kratz, und das ist ihren Werken anzumerken.

Ihr Umgang mit Farbe ist manchmal leicht, fast transparent, ein anderes Mal schwer und dick, wie mit der Spachtel aufgetragen. In ihren Blumenbildern scheinen die Farben gleichsam wie ein Feuerwerk zu explodieren. Während auf anderen Gemälden moorige Braun- und Grautöne an Paula Moderson-Becker erinnern.

Ihre große Liebe gilt jedoch dem Maler Emil Nolde, ohne dass sie ihn epigonenhaft nachahmt. Dass Stadtmensch Kratz die Stadt mit ihren vielen Facetten in keinem ihrer etwa 90 Bilder thematisiert hat, darauf weiß die Künstlerin keine Antwort. Darüber habe sie sich bislang keine Gedanken gemacht. Zeichnen liege ihr nicht so, dies habe sie zwar gelernt, aber der flexible Umgang mit Farben, das Mischen der Farbtöne sei ihr lieber. Allerdings habe sie vor, sich wieder verstärkt der Töpferei zuzuwenden, wie einst zu Schulzeiten.

Als Künstlerischen Mentor sieht die Malerin Hermann Haindl. Im Malersaal der städtischen Bühnen Frankfurt erfuhr sie unter seiner Anleitung eine vielseitige bildnerische Ausbildung. Zusätzlich studierte sie in Haindls Künstlerdorf in Hofheim am Taunus. Nicht zuletzt der Vereinigung der Mund- und Fußmalenden Künstler (VDMFK) hat Antje Kratz es zu verdanken, dass sie neben ihrer Malerei keiner anderen Tätigkeit nach gehen muss. Von der Vereinigung, die die Werke der Künstler auf Postkarten und Kalendern vermarktet und Ausstellungen im In- und Ausland organisiert, bekommt sie ein kleines Gehalt- bis zum Lebensende. Die Ausstellung ist Freitag, Samstag und  Sonntag ab 17 Uhr oder nach vorheriger Vereinbarung geöffnet. Alle ausgestellten Werke sind verkäuflich.