Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.05.1998

 

Zehn Fuß-Gemälde im Jahr aus der Villa Kunterbunt

Malen ohne Arme und Hände /Weltweiter Künstlerverein

 

Frankfurt. Antje Kratz sitzt auf einem roten Küchenstuhl und lehnt sich entspannt zurück. „Doch, doch. Ich führe ein erfülltes Leben“, sagt sie und unterstreicht ihre Worte mit einer eleganten Fußbewegung. Antje Kratz ist Künstlerin. Sie malt Bilder, indem sie den Pinsel zwischen der ersten und der zweiten Zehe hält. Auch alles andere macht sie mit den Füßen: spülen, Zähne putzen und kochen. Die Frau mit dem braunen Pferdeschwanz hat von Geburt an keine Arme – ihre Mutter hatte während der Schwangerschaft des Schmerzmittel Contergan eingenommen.

Ihr kleines Haus in Ginnheim sieht aus wie die Villa Kunterbunt. Nur ein Pferd und einen Affen gibt es dort nicht. Innen wie außen ist es farbenfroh angemalt. Die Wände in der Küche sind mit vielen bunten Tellern geschmückt. Überall stehen Dinge herum. Auf dem Boden: mehrere Näpfe mit Hunde- und Katzenfutter – für die Mitbewohner, drei alte Katzen, einen Ungarischen Hirtenhund und einen kläffenden Chihuahua. Auf der Anrichte: Teller, Tassen, Stapel von Zeitungen und Zeitschriften.

Eigentlich braucht sie nicht zu betonen, dass sie froh ist, nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen zu müssen. Denn wie in einer Amtsstube sieht es hier wahrlich nicht aus. Dennoch hat sie als Schülerin ein Büropraktikum gemacht. Gefallen hat ihr diese Arbeit allerdings nicht. Die beruflichen Möglichkeiten  sind begrenzt, wenn man keine Arme hat. Daß sie heute von einem erfüllten Leben sprechen kann, hat sie ihrer Mutter zu verdanken, meint die Sechsunddreißigjährige – und einer weltweiten Vereinigung behinderter Künstler.

Die Mutter habe Wert darauf gelegt, dass sie wie ein normales Kind aufwächst und sich ihrer Behinderung nicht schämen muß, erzählt Antje Kratz. Mit ihrer Tochter teilte diese nicht nur das gestalterische Talent, sondern auch die Liebe zum klassischen Ballett. Jahrelang hatte sie Ballettunterricht – der sicher auch dazu beigetragen hat, dass Antje Kratz heute so beweglich ist, daß sie sich mit dem Fuß hinter dem Ohr kratzen kann.

Eine steile Treppe führt ins erste Stockwerk, wo Antje Kratz ihr Atelier hat. Auf dem Weg dorthin hängen Bilder aus ihrer „frühen Phase“: Nach der Schule arbeitete sie als Volontärin im Malersaal der Städtischen Bühnen. Damals porträtierte sie Menschen. Heute bevorzugt sie Landschaften, vor allem toskanische. Häufig malt sie auch Stilleben.

Am liebsten hätte sie weiter Kulissen gestaltet. Aber die großen Flächen waren sie auf Dauer nicht zu bewältigen. Bei ihrem Bühnenmallehrer Hermann Haindl nahm sie auch nach Ende des Volontariats weiter Unterricht. Dabei wurde sie von der Vereinigung der mund- und fußmalenden Künstler (VDMFK) mit einem Stipendium unterstützt. Vor etwa zehn Jahren hat die Vereinigung sie nach einer eingehenden Prüfung ihrer Arbeiten als Mitglied aufgenommen – für Antje Kratz ein wichtiger Schritt. Denn dadurch ist ihre Existenz gesichert: Die Vereinigung unterstützt weltweit 500 Mitglieder lebenslang mit einem festen Betrag im Monat und organisiert auch Ausstellungen und Treffen für sie. Seither kann sich Antje Kratz ganz der Malerei widmen.

Als Gegenleistung schickt sie ihre Bilder nach Liechtenstein, wo die Vereinigung ihren Sitz hat. Jährlich kommen fünf bis zehn Gemälde zusammen. Sie werden für Kalender und Kunstkarten reproduziert. Manchmal wird auch ein Original verkauft, dann erhält Antje Kratz das Geld. Zwischen vierhundert und tausend Mark kostet eine „echte Kratz“. Oft komme das allerdings nicht vor, bedauert sie.                              Anke Sauter

 

  Seit April kann man die Bilder von Antje Kratz auch im Internet sehen. Dort hat der VDMFK eine Online-Galerie installiert und bietet Informationen zur Vereinigung und zu den einzelnen Künstlern an. Die Adresse im weltweiten Netz lautet: www.vdmfk.com